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INTERVIEW Sonntag
11 September 2005
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Margit Miosga: Vielen Dank, Christoph Tannert. Wie Du schon gesagt hast, mich interessiert natürlich auch immer sozusagen das Politische, ich bin keine reine Kunstkritikerin, und als wir beide uns getroffen haben vor ein paar Wochen hier und überlegt haben, was machen wir heute Nachmittag, dachten wir, es gibt zwei Dinge, über die wir reden sollen, und das Erste ist natürlich über diese Herkunft: Argentinien, Armenien in Berlin. Und das in einer Ausstellung über Istanbul. Meine erste Frage war natürlich damals: Warst Du schon in Istanbul? Nein, bald. Und das hat natürlich eine Geschichte, eine Familiengeschichte, und wenn Du noch mal erzählen könntest, was es mit diesem Argentinischsein und der armenischen Herkunft, was das für eine Familiengeschichte ist. Denn, glaube ich, vor der Folie Deiner Herkunft und Deiner Familiengeschichte ist auch besser drüber zu reden als über Deine Arbeit. Silvina Der-Meguerditchian: Ja, meine ganze Familie, alle vier Großeltern sind Überlebende vom Genozid an den Armeniern während des ersten Weltkriegs, und sie sind teilweise über Frankreich nach Argentinien ausgewandert. In Argentinien sind sehr viele armenische Flüchtlinge angekommen und haben auch eine Gemeinde, eine ganz große Gemeinde, gebildet, und da bin ich aufgewachsen. Meine Familie ist zwischen 1925/1930 da angekommen. Eine Weile haben wir auch in Paris gelebt, von beiden Teilen meiner Familie, daher habe ich auch eine emotionelle Verbindung zu Paris und zu Frankreich auf jeden Fall. Und damals war es so, dass sehr viel untereinander geheiratet wurde, so haben meine Eltern auch geheiratet, und ich bin in die armenische Schule gekommen. In den 70gern gab es sehr viele, fast zehn armenische Schulen mit ca. 500 Schülern, wo vormittags ganz normal Spanisch, also noch Grundschule, und nachmittags Armenisch gelernt wurde bis um vier. Ja, und das ging sogar so weit -wir haben am Anfang außerhalb, also im Umland von Buenos Aires gelebt, und da waren wir ein bisschen außerhalb des armenischen Kreises- und das ging soweit, dass wir ein ganzes Jahr lang mit meiner Schwester zwei Stunden in die armenische Schule hin und zwei Stunden zurückgefahren sind, um in zu diesen Kreis zu gehören. Und ich war sogar in der armenischen Schule, wo ich Sekundärschule gemacht habe, Lehrerin für Armenisch für Grundschulkinder. Ich war also ziemlich stark in diese Gemeinde eingebunden. Margit Miosga:Wie weit ist denn eigentlich in deiner Familie die Erzählung oder der Bericht über den Genozid, über den Völkermord an den Armenier in der Türkei noch Thema gewesen? Es gibt immer, man hört das ja auch immer wieder von Familienüberlebenden des Holocaust, die gesagt haben, ich wollte meine Kinder damit nicht belasten, ich wollte meine Enkel damit nicht belasten und hab dann erst in sehr hohem Alter die Geschichte erzählt. War das bei euch in der Familie Thema? Silvina Der-Meguerditchian: Die ersten Jahre meines Lebens hat meine Großmutter väterlicherseits mit uns gewohnt und hab bei ihr geschlafen, in ihrem Bett geschlafen. Sie hat Deportationen erlebt und in der Wüste ist ihre eigene Mutter, so wie sie mir erzählt hat, als ich klein war, „eingeschlafen“, sozusagen. Sie ist primär von eine ganz grundsätzliche Geschichte geprägt gewesen, und bruchstückhaft hat sie mir das mitgeteilt. Aber sie hat sehr viele Leeren Stellen gelassen, es gab sehr viel Schweigen auch. Durch das Schweigen wurde mir viel mitgeteilt oder durch Albträume. Ich hab sogar eine Arbeit, wo ich thematisiere dass dadurch dass ich mit ihr das Kissen geteilt habe, auch ihre Albträume mitbekommen habe. Aber es war natürlich auch nicht ganz konkret. Sie hat nicht erzählt wie es passiert ist. Sie hat erzählt, dass sie in der Wüste war und dass sie auch in eine türkische Familie untergebracht war, die sie praktisch als Aushilfsmädchen nutzte…. und so, wie gesagt, bruchstückhaft. Ansonsten war eben das Bild des Türken das absolute, ja, negativ und mit Schrecken und Horror belegt und war so polarisiert, dass alles Negative auf die Türken fiel und alles Positive auf uns Armenier sozusagen. Margit Miosga: Wie habt ihr denn da als Gleichaltrige, so wenn ihr in die armenische Schule gegangen seid, als Jugendliche darüber geredet? Also so, ach, das sind wieder die alten Geschichten der Großeltern oder -? Silvina Der-Meguerditchian: Ich muss sagen, sehr viel wurde da nicht geredet. Wir waren junge Mädchen und Jungen, also Argentinier, die einfach versucht haben, unseren Pubertät zu überstehen. Ich war auch nicht so eine ganz typische Armenierin, ich war schon in diesem Zusammenhang ein bisschen außergewöhnlich und hab versucht, von dieser Gemeinde abstand zu nehmen. Sie haben versucht mit allen Kräften, das Armenische zu bewahren, um nicht verloren zu gehen. Sie waren verschlossen, z.B. man musste mit armenischen Jungs ausgehen, armenische Freunde haben, was weiß ich, alles bloß, um die Kultur zu schützen und das sie nicht verloren geht. Also ich war ein bisschen anders und hab mich nach außen sehr orientiert und viel mit anderen aus Buenos Aires gemacht. Also es war nicht, nicht so ein großes Thema. Jetzt im nachhinein, als ich Ausstellungen mit solchen Werken mache, und meine ehemalige Kommilitonen sie sehen, sie die viel gesetzter waren und viel armenischer und einen armenischen Freund hatten, sind sie sehr erstaunt, dass ich „einen Außenseiter“, mich mit diesem Thema so stark beschäftige und das für ihre Empfindung so auf den Punkt bringe. Margit Miosga: Was ist denn das überhaupt: Armenisch sein in Argentinien? Wie zeigt man das, wie hat man das ausgelebt, wie hat es in den Familien stattgefunden? Silvina
Der-Meguerditchian:Ja, also, wie - konkrete Punkte, die sind
einmal die Schule, einmal die Kirche. Margit Miosga: Hast Du zu Hause dann Armenisch manchmal geredet, um deine Großeltern zu erfreuen? Silvina Der-Meguerditchian: Wenig, also wir haben eigentlich das mehr benutzt im Bus oder im Zug, damit die anderen uns nicht verstehen. Heute ist es anders. Margit Miosga: Eine Geheimsprache in Argentinien? Wie haben deine Großeltern überlebt, wenn du sagst, von beiden Seiten, also vier Elternteile, der Völkermord, dem sind nicht so viele entkommen, und dass aus einer Familie alle vier Großelternteile überlebt haben, ist sicher nicht so häufig? Silvina Der-Meguerditchian: Meine Großmutter väterlicherseits war in einer türkischen Familie gekommen als Dienstmädchen (sie wurde praktisch vergeben von einem Waisenhaus), und dann kam ein Onkel, der auch überlebt hatte, und hat sie durch Information in den Waisenhäusern - das war ja auch häufig wohl so- nach Paris geholt. Über mein Großvater habe ich eine ganz schöne Geschichte. Die ganzen Männern wurden erst mal eingezogen für den Krieg, einige gingen direkt ins Gefängnis, und dann sollten sie praktisch erschossen werden oder getötet werden, und mein Großvater konnte also mehrere Sprachen, wie viele der Armenier damals mindestens drei Sprachen konnten, und hat sich irgendwie für jemanden gegeben, den er nicht war, um freigelassen zu werden. Und das ist so eine Anekdote, wie er sich gerettet hat. Er ist auf einem Granatapfelbaum gestiegen - man kennt hier in Deutschland das nur als Busch, aber eigentlich werden es richtige starke Bäume die Granatapfelbäume- Er ist auf einem Granatapfelbaum gestiegen und hat zwei, drei Tage ausgeharrt, bis er nicht mehr gesucht wurde, und während dieser zeit hat er sich von dem Granatapfelsaft und diese Frucht ernährt und so hat er sich gerettet. Und das ist eben ein bisschen Teil der Tradition der Familie diese Geschichte. Wir hatten im Garten, wo ich gewohnt habe außerhalb von Buenos Aires, auch Granatapfelbäume, und das war etwas ganz Wichtiges für ihn, weil dieser Baum ihm das Leben gerettet hatte, sein Überleben gesichert hatte. Gut. Er ist eigentlich über Syrien -da haben sich auch sehr viele Armenier gerettet, dieses Millet war nicht so hart- nach Frankreich geflohen. Sie haben von 1923, das sieht man auch in den Dokumenten, bis 1929 in Paris gelebt. Von der anderen Seite der Familie war auch so was ähnliches. Die waren alle mütterlicherseits aus der Ecke, aus Aintab, das ist auch eine Nachbarstadt von Marasch und ist auch so eine Ecke an der Grenze zum heutigen Syrien, und sie sind auch über Frankreich geflohen. Mein Großvater mütterlicherseits war Fotograph, er hatte auch eine künstlerische Ader und sollte in Frankreich bleiben um Kunst zu studieren aber seine Mutter hat ihn doch nach Argentinien mitgenommen. Er hat mit mir von Boulogne Sur Mer mit Sehnsucht gesprochen. Er hat sich über diese Ecke gerettet. Und ein Teil davon war schon früher nach Argentinien gegangen, so um 1897 kamen auch diese Pogrome vom Sultan Hamid, wo 300.000 Armenier getötet worden sind, und sie sind vor dem großen Völkermord ausgewandert. Margit Miosga: Wie hat sich das so in der Familie, du sagt es, es wurde so bruchstückhaft erzählt, man könnte, wenn man ein Teenager ist, du bist ja mit zwanzig schon weggegangen dann von Argentinien, in so einer Teenagerzeit sagt: Mein Gott, die alten Geschichten der Großeltern, warum ist es aber doch so stark bei dir haften geblieben? Ist es eine Identitätsfrage dann irgendwann geworden: Wer bin ich? Argentinierin, Armenierin? Silvina Der-Meguerditchian: Ich glaube, dadurch, dass ich überhaupt nach Deutschland gekommen bin, hat sich die Frage aufgeworfen. Wenn man in Argentinien ist, ist man sowieso entweder Argentinier und Armenier oder Argentinier und Spanier, Argentinier und Italiener, Argentinier und Pole, Argentinier und Deutscher, also in Argentinien sind alle Argentinier und noch irgend was. Insofern - also in Argentinien war es überhaupt keine Frage, Armenier zu sein, das hat auch niemanden gestört. Margit Miosga: Auch nicht erstaunt? Silvina Der-Meguerditchian: Nein. Das hat sich praktisch - gut, ich meine, ich muss sagen, ich war auch Lehrerin, also Sprache hat mich auch sehr viel interessiert, ich war in der Mekhitaristen-Schule. Also die Mekhitaristen Mönche haben eine Insel in Venedig und sind von den argentinischen Armenier, die unpolitischsten. Es gab die, die links waren, sie hatten Armenien als sowjetisches Land anerkannt, dann gab es die ganz konservative Gruppe, die kommunistisches Armenien total schrecklich fanden… Ich war immer die Fahnenträgerin der Schule, weil ich die beste Note hatte. Wir sind immer am 24. April marschiert und haben demonstriert gegen das Vergessen und für die Annerkennung des Genozids. Das war eine totale Katastrophe, wo die eine linke Schule gegenüber der konservativen anderen stand und doch nicht miteinander laufen sollte… Es war richtig heftig. Margit Miosga: Wenn du da vielleicht an der Stelle auch noch was sagst, denn in deinem Nachnamen gibt es die Vorsilbe "der", das hat ja auch eine Bedeutung im religiösen Kontext. Silvina Der-Meguerditchian: In meiner Familie gab es einen Priester, ich weiß nicht, in welcher Generation, weil leider nach meinem Großvater kann ich es nicht mehr verfolgen, durch die große Leere das wegen des Genozids entstanden ist. Aber es gibt armenische Priester, die heiraten können und die nehmen dieses "der" am Anfang des Namen. Margit Miosga: Hat Religion irgendeine Rolle gespielt? Silvina Der-Meguerditchian: Religion hat für armenische Identität eine Menge zu sagen. Eigentlich war die Kirche „die“ kulturelle Institution, der Raum, wo armenische Kultur sich gespielt hat über die ganzen Jahrhunderte, Jahrtausend, also seit, ja, seit das Christentum überhaupt existiert. Für mich persönlich, ich hab gerne gesungen, ich hab in der Kirche gesungen als ich klein war. Die armenische Liturgie ist wunderschön. Als erwachsener Mensch kann ich mich weniger mit den Problemen des Christentums identifizieren, aber ich identifiziere mich mit dem Christentum als Kulturträger und als Traditionsträger und deswegen habe ich auch in der armenischen Kirche geheiratet mit meinem Berliner Mann und auch mein Sohn armenisch getauft, weil ich das als einen performativen Akt der Identität sehe. Margit Miosga: Berlin, da kommst du ja schon relativ früh, und du bist Jahrgang 67 und jetzt schon seit 17 Jahren in Berlin, dann kommt du nach Berlin in eine Stadt mit einer erheblichen türkischen Bevölkerung und bist groß geworden mit dem Gefühl, dass sind die Bösen, alles, was Übel ist auf dieser Welt, kommt daher, und dann sind sie hier an jeder Ecke, verkaufen dir Gemüse und Döner. Wie war das? Silvina Der-Meguerditchian: Das ist eigentlich ganz, ganz merkwürdig, muss ich sagen. Das erste Mal, als ich nach Berlin kam, da war ich achtzehn, und ich bin gelandet irgendwo in Berlin Zoologischer Garten und musste eine Freundin treffen und die hat mich nicht mehr getroffen, weil ich meinen Pass verloren hatte in Frankfurt. Also ich lande in Kottbusser Tor und musste eigentlich in die Crellestraße, und damals konnte ich kein Wort Deutsch. Für mich Deutsch war praktisch ein Gebäude, so was wie ein undurchdringbares Kubus. Das erste, was ich gesehen habe, waren diese ganzen türkischen Dönerverkäufer, und ich hab mich einfach näher zu denen gefühlt, und da bin ich gegangen, ich hab gesagt, „Crellestraße“ und so, und dann haben sie gesagt, „ja“ und die haben sich kaputtgelacht und sie haben mich in ihren LKW in die Crellestraße mit dem ganzen Gemüse, gefahren, wobei wohlgemerkt sie versucht haben an meinem Bein zu fummeln. Diese grundsätzliche Nähe hab ich ja wieder gesehen bei meiner Mutter. Sie hat mich vor drei Jahren Besucht. Als sie in den türkischen Lebensmittelladen reingegangen ist, sie war aufgeblüht und hat sehr viel vertrautes entdeckt sie hatte so eine Freude zu diesem Türkischen. Und ich dachte „irgendwas ist hier verkehrt“. Ich habe merkwürdigerweise, obwohl ich ein sehr kontaktfreudiger Mensch bin, keine Türken kennen gelernt in den ersten 10 Jahren, überhaupt keine. Margit Miosga: Außer dem ersten, der dich da gefahren hat. Silvina Der-Meguerditchian: Genau, da war ich aber achtzehn. Margit Miosga: Und dann bist du ganz gekommen zwei Jahre später, um zu Entkommen auch der Enge der armenischen Konventionen. Silvina Der-Meguerditchian:Ja. Margit Miosga: Sozusagen West-Berlin war noch eine Insel für junge Mädchen, wo Dinge möglich sind, die in Buenos Aires für gute Mädchen nicht möglich waren. Silvina Der-Meguerditchian: Genau. Margit Miosga: Und warum bist du hier geblieben? Silvina Der-Meguerditchian: Also, ich muss sagen, das war eine intuitive Entscheidung hierher zu kommen und meine Intuition hat sich als richtig erwiesen. Ich hab mich hier sehr wohl gefühlt. Ich habe mich frei gefühlt, ich habe Möglichkeiten, ich kann sie einfach nehmen und mich weiter entwickeln. Ja. Und ich muss sagen, dass, vorm Mauerfall es eine Bomben Stimmung in Berlin war. Das ist für die, die das nicht mit erlebt haben, nicht vorstellbar. Sie können das ja gar nicht begreifen. Es war super spannend. Das war paradox, das eine Stadt, die so eingeschlossen ist, innen drin so viel Freiheitsmöglichkeiten anbietet. Margit Miosga: Du bist dann Künstlerin geworden. Bist du eigentlich, also ich hab gelesen, du hast eine Arbeit auch über den Granatapfel gemacht, der Baum, in dem dein Großvater überlebt hat, den hast du gewürdigt in seiner Frucht, aber du bist auch dieses armenische Thema, vor dem wir hier sitzen, und da sollten wir jetzt erst mal hingehen, das ist ja eine Postkartensammlung im Grunde, Ansichten armenischen Lebens in Istanbul. Wo gibt es die eigentlich? Wo findet man die noch? Silvina Der-Meguerditchian: Das erste Mal sind sie mir begegnet im Jahr 2001 in einem Buch, das in den achtziger Jahren in Frankreich herausgegeben wurde, das heißt Arménie 1900, also Armenien 1900, und da waren diese Postkarten. Und das war für mich eine richtige Entdeckung. Da war ein Bild von Aintab, hier ist es nicht, weil hier ich nur mit Istanbul gearbeitet habe. Aintab ist die Stadt, wo mein Großvater her kommt. Also, für mich war es dermaßen eine Leere… Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wie es da ausgeschaut hat. Auf einmal treffe ich auf diese Postkarte, ich war echt von den Socken. „Ach soooo, so hat es ausgeschaut, als er da gelebt hat!“ sagte ich mir. Es war genau eine Postkarte von Aintab um 1900. Margit Miosga: Die Aufnahmen müssen ja alle um die Jahrhundertwende entstanden sein in Istanbul - Silvina Der-Meguerditchian: Ja. Margit Miosga: Und sind meistens französisch beschriftet. Silvina Der-Meguerditchian: Ja, es gibt auch ein paar mit deutscher Beschriftung auch. Das sind eigentlich Postkarten für Touristen. Und dieses Buch hab ich ja neuerdings entdeckt, und zwar war ich ja sehr erstaunt. Das ist praktisch für mich so ein Schritt weiter zur Versöhnung oder na ja, das spricht mich an. Es gab eine Ausstellung dieses Jahr in Istanbul im Februar, und das hat ein türkischer Kurator organisiert, diese Sammlung ist von einem Halb- Italiener, Halb-Armenier aus Rom, glaube ich, und er hat das ausgestellt diese Fotos, fünfhundert Postkarten und der Titel der Ausstellung war "Armenier, mein Bruder". Und das hat mich sehr berührt. Margit Miosga: Also es belegt letzten Endes eine lebhafte armenische Kultur, nicht nur in den von hauptsächlich von Armeniern bewohnten Gebieten im Osten der Türkei, sondern auch selbstverständlich in Istanbul, Armenier gehörten dazu, und die hast du jetzt zusammen gehäkelt mit den Fotos von Radiergummi, Radiergummi made in turkey. Wenn du das mal erzählst. Sind sie ausradiert? Silvina Der-Meguerditchian: Ja, ja, das ist auch so. Es sind auch die Lebensräume, die ausradiert wurden durch die Republik Türkei, also da ist praktisch diese armenische Präsenz, die nicht mehr da ist. In einem Verhältnis ein Viertel der Bevölkerung zu sein, zu heute 11 Millionen und 30.000 Armenier ist schon ein großer Unterschied. Und die 30,000 wie sie „überhaupt“ da sind, also wie sie sich überhaupt ausdrücken dürfen, das Armeniersein leben dürfen, das ist auch noch ein anderer Aspekt, eine andere Frage. Das sind für mich ausradierte Lebensräume, und für mich ist ja auch sehr treffend dieses Satellitenbild von Istanbul, weil ich durch diese ganze Geschichte immer noch nicht geschafft habe, nach Istanbul zu gehen, also überhaupt in die Türkei zu gehen. Dieses Satellitenbild entspricht mein subjektives Gefühl zu Istanbul. Einerseits ist diese ganze Geschichte total präsent, es ist einfach da, es ist durch eine Leere da oder durch eine Polarisierung zum Bösen. Natürlich, weiß ich als erwachsener Mensch die Wahrheit schaut anders aus und versuche damit anders umzugehen, aber es ist sehr stark da. Margit Miosga: Ist es auch deswegen noch da, weil die Türkei nach wie vor Probleme hat, das Wort Armenier richtig auszusprechen? Silvina Der-Meguerditchian: Tja, also ich weiß nicht, ob es nur deswegen ist. Ich weiß nur, dass es für mich ein großes Problem darstellt. Margit Miosga: Du hast es zusammengehäkelt auf diese alte Methode, wie man Dinge mit Garn, alte weibliche Technik, miteinander verknüpft die Leere, die Radiergummi und die Ansichten, die es nicht mehr gibt. Das machst du oft. Silvina Der-Meguerditchian: Ich muss sagen, das kam über eine andere Arbeit. Über das Fallen der Mauer, überhaupt bin ich dazu dem gekommen. Ich hab gearbeitet, das war 91, 92, da war ich noch nicht so professionell, aber ich hatte eben diesen Drang, künstlerisch mich zu betätigen, und ich habe gemerkt, ich hatte in einer Firma in der Kastanienallee gearbeitet deren Angestellte hauptsächlich aus dem Osten kamen. Ich hatte ein Fest veranstaltet, und das war das erste Mal, dass diese Menschen aus Ost-Berlin mit West-Berliner überhaupt privat zusammen kamen in meiner Wohnung. Da hab ich das Gefühl gehabt, dass ich irgendwie oder meine Person, mein Dasein als Verbindung dienen könnte. Dann hab ich gemerkt, dass dieses Verbinden, das hat auch mit der Sprache zu tun. Ich beschäftige mich sehr mit Sprachen. Ich hab auch parallel zum Künstlerdasein ein Dolmetscherstudium abgeschlossen, und dieses Verbinden, gehört ganz stark zu meiner Identität. Und dann hab ich gemerkt, dass eigentlich überhaupt das Armeniersein mit Verbindensein zu tun hat, weil Armenier hatten immer geographisch auch eine Rolle des Verbindens. Und so kam praktisch, dass ich dann eine Arbeit über Ost-Berlin und West-Berlin gemacht habe. Ich fing an mit den Ausweisen zu arbeiten und dann hab ich weiter geschaut und weiter und hinter den Ausweisen hab ich diese Filamenten entdeckt. Margit Miosga: Was sind Filamente? Silvina Der-Meguerditchian: Sind diese so hauchdünne Fäden, des Papiers in den Personalausweisen. Sieht so aus wie ein Gewebe. Margit Miosga: Wasserzeichen, was da drin ist oder diese Fäden... Silvina Der-Meguerditchian: Die Fäden, die Fäden, die sich ineinander so verbinden. Und dann hab ich gemerkt, das ist es! Und dann hab ich plötzlich diese Fäden, habe ich das Bedürfnis gehabt, diese Verbindung konkret zu machen und aus meine eigener Hand zu machen. Und dann hatte ich parallel dazu meine Großmutter, als Sechsjährige hatte mir das Häkeln beigebracht, und ich hab gar keinen Anspruch gehabt, großartig das richtig zu perfektionieren, weil genau diese Unbedürftigkeit ganz einfach zu häkeln, das war was ich wollte. Das ist eine Sache, die aus der Kindheit kommt, und ich glaube, dass Identität sehr viel mit Kindheit zu tun hat. Margit Miosga: Der Handarbeitslehrer würde wahrscheinlich sagen, da gibt es eine Welle und es ist ein bisschen unregelmäßig. Hier hast du zusammengehäkelt die zweite Arbeit, Dokumente des, kann man sagen, des Überlebens deiner Großeltern. Silvina Der-Meguerditchian: Ja. Margit Miosga: Kannst du noch was dazu erzählen, was da zu sehen ist, weil's immer auch Fragmente sind, Ausschnitte. Silvina Der-Meguerditchian: Das ist eigentlich auch so eine Überraschung für mich gewesen. Ich habe sie erst vor vier Jahren zum ersten Mal gesehen. Sie waren in einer Tasche von meiner Großmutter und das war irgendwo verschanzt bei meinem Onkel. Meine Großmutter ist gestorben vor zehn Jahren und diese Tasche war immer noch da. Ich mache auf und denke, ich glaub es nicht. Also auf einmal steckt eine ganze Vergangenheit in dieser Tasche drin, die kein Mensch mir erzählen konnte, nicht erzählt hat, und auf einmal entdecke ich, wann mein Großvater wo durch irgendwelchen Pass oder armenischen, französischen Protektorat oder was weiß ich da durchgegangen ist. Auf einmal wurde für mich fassbar und sichtbar, ein bisschen mindestens, wo sie gewesen waren und wann sie in Frankreich waren, usw. Das ist auch wissenschaftlich belegt auch beim Holocaust: die Völker, die so ein Trauma erlebt haben, sie können nicht darüber reden - Margit Miosga: Aber die heben alle Papiere auf aller Stationen, die sie durchlaufen haben. Silvina Der-meguerditchian: Genau, genau, und viel sind praktisch auch Ausweise von meinem Großvater, eine Art Pässe, die damals gab oder seine Eintragung als Händler in der Handelskammer von Istanbul, ist da oben mit diesem Symbol. Dann gibt's auch die Papiere, als sie in Frankreich angekommen sind, wo drauf stand, „armenischer Flüchtling“, ja, da waren auf einmal so konkrete Beweise, schwarz auf weiß, und sie waren für mich fassbar. Margit Miosga: Diese Ausstellung Istanbul, dass diese Arbeiten hier integraler Bestandteil sind, das müsste ich eigentlich auch noch Christoph Tannert fragen, es ist ein heikles Thema, hat sich das sozusagen in der Kunst aufgelöst die Debatten, die sonst um Armenien gibt, um den Völkermord, das ist ja sehr virulent im letzten Jahr, dann auch Jahrestag, 90. Jahrestag, ist das in so einer Arbeit, haben da auch türkische Besucherinnen, Besucher, Teilnehmerinnen der Konferenz, sind die zusammengezuckt, Anstoß genommen oder gesagt, endlich ist da mal was formuliert auf eine andere Art und Weise? Christoph Tannert: Also, ich muss sagen, für Peter Lang und mich war von Anfang an klar, dass wir dieses Thema nicht ausklammern können. Zwar ist die Entscheidung schon sehr viel früher gefallen, als der Deutsche Bundestag sich dann zu diesem Jahrestag auch gegenüber dieser Frage offiziell als deutscher Staat geäußert hat, einfach aus dem Grunde, weil es ja in der Geschichte sehr enge über hundert Jahre zu verfolgende politische Interessen des Deutschen Reiches und der Türkei, des Osmanischen Reiches und so weiter gegeben hat, und wir können ja einfach nicht wieder in die Geschichte versenken, dass diese Machtkämpfe und die politischen Interessen der Großmächte im vergangenen Jahrhundert und auch schon im 19. Jahrhundert viele andere kleinere Völker in die Isolation oder durch Vertreibung bis zur Vernichtung geführt haben. Und über einen langen Zeitraum des letzten halben Jahres hat es in der deutschen Presse immer wieder auch Hinweise gegeben auf Autoren, die schon damals am Anfang des 20. Jahrhunderts, als um 1915 eine weitere Welle der Vernichtung das armenische Volk getroffen hat, das auch damals schon kritisch zu reflektieren. Dass nun heute die Türkei offiziell gegen diese Äußerung des Deutschen Bundestages protestiert hat, weil die Deutschen Schuld eingeräumt haben bei der Vernichtung der Armenier, weil das deutsche Hauptquartier auch logistische Hilfe bei diesen militärischen Konflikten gegeben hat, das hat uns irritiert, trägt aber immer weiter auch zu Irritationen in der türkischen Presse bei, dass wir hier in dieser Ausstellung mit dem Thema Istanbul Dinge zur Sprache bringen, die in der Türkei tabuisiert sind und die man aus dem Grunde, weil wir sie besprechen, uns auch zum Vorwurf gemacht werden. Also es gibt bestimmte Presseverlautbarungen in der Türkei, die das skandalös finden, nicht nur diese Arbeit, auch andere Arbeiten in der Ausstellung. Ich denke, das kann man konstatieren, es wird sicherlich nicht die Beziehung beider Länder nachträglich erschüttern, aber es gehört einfach bei der Wahrheitsfindung dazu, über diese Dinge zu reden, zumal diese Ausstellung in Berlin stattfindet und Silvina Der - Meguerditchian als Künstlerin in Berlin lebt, als eine, die nach Berlin gekommen ist. Wenn die Ausstellung sonst wo stattgefunden hätte, wäre das möglicherweise auch nicht unter den Tisch gefallen, hätte aber einen anderen Stellenwert gehabt, und so war es für uns fast schon zwingend, das auch zum Thema zu machen. Margit Miosga: Du hast es am Anfang gesagt, du hast dir jetzt das erste Mal ein Ticket in die Türkei gekauft, also ist für dich die Ausstellung der Vorhof von Istanbul sozusagen, die Übung, bevor du wirklich hinfliegst? Silvina Der-Meguerditchian:Also ich muss sagen, ich bin sehr dankbar, dass ich eingeladen worden bin. Mich überhaupt als Teil von Istanbul begreifen zu können und das die anderen mir das auch glauben hat eine heilende Wirkung für mich einerseits. Andererseits hab ich auch mittlerweile andere Begegnungen gehabt, die vielversprechend sind für einen Dialog. Ich hab auch Begegnungen gehabt, wenn sie nicht so schrecklich wären, sind sie eben komisch. Aber ich habe auch positive Begegnungen und ich denke, es ist der Zeitpunkt gekommen, dass ich einfach durch muss. Ich muss einfach dahin. Und ich versuche mich, auch mit dem Positiven zu beschäftigen. Ich versuche, jetzt das Negative nicht auszuschalten. Ich muss sagen, ich hab ab und zu durch die Ausstellung auch im Internet ein bisschen recherchiert und geguckt und dann bin ich auf so ein Politikforum, das „modernste europäische Forum der Türkei“, dann hab ich dort Gespräche verfolgt. Sie haben mich total zurückgeworfen… so voller Hass und Unverständnis. Dann hab ich gesagt, „nein, lass das sein und versuche mal, auf das Positive zu schauen“ und mit diesem Vorsatz will ich einfach hin, nicht blind, aber eben mit einem guten Willen will ich nach Istanbul fliegen. Margit Miosga: Die Übung in sechs Tage und dann vielleicht mal länger bis nach die Osttürkei. Ich glaube, so weit ich gesehen habe, unsere Zeit ist schon um. Wenn jetzt noch dringende Fragen zu stellen sind, die wir jetzt nicht beantwortet haben, bitte dieses zu tun, die nächste Runde, das nächste Künstlergespräch geht gleich los. Frage aus dem Publikum: Gibt es eine Möglichkeit oder eine Idee, diese Werke in Istanbul oder in der Türkei irgendwo auszustellen. Silvina Der-Meguerditchian: Also, ich würde das sehr gerne, also die Konfrontation scheue ich nicht. Ja, solange ich natürlich nicht mit meinem physischen Dasein dafür zahlen muss, würde ich gerne meine Arbeit drüben zeigen. Wenn jemand mich einlädt, bin ich offen, aber bis jetzt habe ich noch keine Einladung. Dieses Buch und die Ausstellung und andere Menschen, darunter Künstler versuchen.... den Topf aufzumachen. Margit Miosga: Das ist, glaube ich, wirklich das, das Problem ist, dass der Topf ist hier aufgemacht, aber er kriegt sozusagen immer einen drauf, die Reaktionen hier auch aus der türkischen Gemeinde sind schon relativ heftig, ne. Versuch, Hoffnung, vielleicht stellst du aus, wenn du in Istanbul bist Silvina Der-Meguerditchian: Ich finde das Projekt Berliner Pool sehr spannend. Sencer Vardaman, der Künstler hat alle Künstler der Ausstellung angesprochen, ob sie nicht in seiner Plattform teilnehmen wollen, und ich hab ja gesagt. Ich hab mir auch gedacht, was ist denn das für ein Gefühl -es sind auch ein paar Berliner Künstler- aber es sind sehr viele türkische Namen. Ich dachte mir, was wird für mich für ein Gefühl sein in so eine Liste von türkischen Namen auf einmal mein Name zu sehen? Ich finde das sehr spannend. Margit
Miosga: Vielen Dank.
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